„Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.“ (Johannes 8,34)

Der Reisende und das Kamel

Ein Reisender hatte sein Zelt aufgeschlagen, um darin auszuruhen; plötzlich aber wurde er durch ein Kamel erschreckt, welches mit lautstarkem Getön seine Nase durch die Spalte des Eingangs steckte: „Es ist sehr kalt hier draussen“, jammerte das Kamel, „ich möchte nur eben meine Nase durch die Spalte in dein Zelt hineinstecken.“ – Der Reisende war ein gutmütiger Mann und erlaubte dies gern. So blieb denn die Nase drin. Aber einige Minuten später stöhnte das Kamel aufs Neue: „Der Wind bläst sehr scharf; bitte lass mich auch meinen Nacken ins Zelt schieben.“ Auch diese Bitte wurde gewährt, und der Hals kam herein.

Wenig später klagte das Kamel: „Wie heftig es zu regnen beginnt, ich werde durch und durch nass, darf ich meine Schulter nicht auch unterbringen?“ Auch dies wurde gestattet, und so forderte das Kamel nach und nach immer ein wenig mehr, bis es zuletzt ganz drinnen war. Bald aber fühlte sich der Reisende von dem rauen Gesellen belästigt, denn der kleine Raum im Zelt war eben nicht groß genug für beide, und so bat er das Kamel höflich, nachdem der Regen aufgehört hatte, das Zelt wieder zu verlassen. Damit hatte er sich allerdings an den Falschen gewandt. „Wenn es dir nicht behagt, dass wir beide hier sind, so kannst du ja gehen“, erwiderte das dreiste Tier mürrisch, „was mich betrifft, so fühle ich mich hier ganz wohl und werde auf alle Fälle hier bleiben.“

Können wir nicht auch manches aus dieser Geschichte lernen? Liegt nicht auch vor unserer Herzenstür ein Kamel, das beständig anklopft und Einlass begehrt? Es kommt anfangs ganz leise und bittet: „Lass mich ein!“ – anfänglich nur ein ganz klein wenig. Zuerst scheint es dann auch zufrieden, wenn nur die Nase Einlass findet. Aber es dauert nicht lange. Nach und nach nimmt es ganz und gar von unserem Herzen Besitz und will es allein haben. Es ist ein bekanntes und nur zu wahres Sprichwort: „Gibt man dem Teufel den kleinen Finger, so will er bald die ganze Hand.“

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