Der Erlebnisbericht unserer Schwester Karin, einer Frau, die tiefste Verletzungen erlitten hat

Woche für Woche schaute ich als Kind „Unsere kleine Farm“. Sie war eine meiner Lieblingsserien, gab sie mir doch das Gefühl, für eine Stunde zu einer richtigen Familie zu gehören. Der Vater dort faszinierte mich. Immer kümmerte er sich liebevoll um die Kinder und kroch, wenn nötig, bis auf den Heuboden, um Kindertränen zu trocknen.

Doch sobald ich den Fernseher ausschaltete, holte mich die Realität ein. Ich hatte keine Familie. Meinen Vater kenne ich bis heute nicht. Meine allein erziehende Mutter war Alkoholikerin und hatte mehrere gescheiterte Ehen hinter sich. Sie machte nie einen Hehl daraus, dass ich sowieso nur gezeugt wurde, weil sie in jener Nacht stockbetrunken war. „Du bist nur das Produkt einer durchsoffenen Nacht“, betonte sie immer wieder. „Dein Vater hätte dich lieber gegen den Baum pissen sollen.“

Nie nahm sie mich in den Arm oder auf den Schoss. Nachts lag ich oft im Bett und wünschte mir, dass jemand neben mir liegen würde, an den ich mich einfach nur anlehnen könnte. Manchmal legte ich meinen Kopf aus lauter Verzweiflung in den Schoss meiner kleinen Schwester, um menschliche Nähe und Wärme zu empfinden.

Wie sich jeder vorstellen kann, entwickelte ich mich zu einem sehr schwierigen und verhaltensauffälligen Kind, und innerlich legte sich eine grosse schwarze Wolke über meine Seele. Eine unvorstellbare Finsternis bedeckte mein Leben.

Nachdem ich im Alter von sieben Jahren einen Missbrauch verhindern konnte, kam ich mit zehn Jahren nicht so gut davon. Wir waren zu Besuch bei Verwandten, und während alle spazieren gingen, blieb ich mit einem Mann allein zurück. Er öffnete seine Hose, und ich musste ihn mit der Hand befriedigen. Wenn mir auch das Schlimmste erspart geblieben war, blieb ich nach diesem Tag für fast zwei Jahrzehnte beziehungsunfähig.

Geborgenheit fand ich in der Kirche. Eines Tages luden mich Mitarbeitern einer evangelischen Kirche in die Kinderstunde ein. Ich kann mich nicht mehr erinnern, dass sie viel von Jesus erzählt haben, aber sie waren unglaublich lieb zu mir. So begann ich, an Jesus zu glauben. Ich liebte es, allein in einer Kirche zu sitzen und ihn nur für mich zu haben.

Und doch konnte ich die Finsternis über meinem Leben einfach nicht loswerden. Oft riss mich meine betrunkene Mutter nachts aus dem Bett, warf Möbel aus dem Fenster oder brachte Männer mit, zu denen ich „ein bisschen nett“ sein sollte, damit sie ihr Geld gaben. Ich weiss noch von jener Nacht, wo mein Geburtstagsgeschenk davon abhing, ob sie einen Mann finden würde oder nicht. Mit zwölf Jahren dachte ich zum ersten Mal darüber nach, meinem Leben ein Ende zu setzen. Die nächsten vier Jahre waren für mich die Hölle. Ich fing an, mich selbst zu verletzen, und versuchte schliesslich, mich zu vergiften. Auch meine Mutter war mehrere Male kurz davor, mich zu töten.

Als ich etwa fünfzehn war, schlug meine Mutter meinen Kopf mehrmals gegen die Badewanne. Der Grund: Meine Schuhe waren schmutzig. Eine liebe Lehrerin half mir, noch am selben Tag mein Elternhaus zu verlassen. Noch heute kann ich die Freiheit und den Jubel nachempfinden, den ich damals spürte, trotz aller Angst, meine Mutter könnte mich finden. Ich war endlich frei.

Dass es noch eine ganz andere Freiheit gab, erfuhr ich zwei Jahre später. Auf einem christlichen Festival luden mich ein paar Leute nach Hamburg in einen Gottesdienst ein. Dort erfuhr ich von der Freiheit, die nur Gott geben kann, und vertraute mit fast siebzehn Jahren Jesus mein Leben an. Er sollte von nun an über mein Leben bestimmen, und er würde mir helfen, nach seinem Willen und seinen Geboten zu leben.

Ich hätte gern gehabt, dass sich über Nacht alles ändern würde, aber das war mir nicht geschenkt. Der Weg, der nun begann, war manches Mal mühsam und tränenreich, aber es war der richtige. Eine der ersten Dinge, die ich in Ordnung bringen wollte, war ein Schmuckdiebstahl, den ich mit fünfzehn Jahren begangen hatte. Ich fuhr zu der Person, der ich den gestohlenen Schmuck geschenkt hatte, bekam ihn jedoch nicht zurück. Jahre später stellte ich mich der Polizei. Ich hatte Angst. Doch Gott sprach mir zu, in dem er mich auf eine Bibelstelle aufmerksam machte: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ (Jesaja 43,1). Tatsächlich: Der Richter gab mir nur eine mündliche Verwarnung. Nun war ich so frei, wie nur Gott freisprechen kann.

Doch es fiel mir immer noch schwer, mich anzunehmen und zu glauben, dass Gott mich liebt und andere mich liebenswert finden. Aber durch viel Geduld, durch die Liebe von Freunden und Gottes Erbarmen geschah ein Wunder. Stück für Stück entwickelte sich in meinem Herzen das Bewusstsein, dass Gott mich liebt. Meine Mutter hatte Unrecht. Ich war nicht das Produkt einer durchsoffenen Nacht, sondern der Schöpfer dieser Welt hat mich gewollt und ins Leben gerufen. Das war ein ganz neues Lebensgefühl.

Ein schwerer Rückschlag geschah, als sogar ein Seelsorger mich sexuell missbrauchen wollte. Ich war wütend und fassungslos. Eine Beziehung zu einem jungen Mann ging in die Brüche, weil ich nicht einmal ertragen konnte, Hand in Hand mit ihm die Strasse langzugehen.

Immer wieder hatte ich mit Depressionen zu kämpfen. Menschen in meiner Kirchengemeinde zeigten mir viel Liebe, aber sie waren manches Mal mit mir überfordert. Ich wollte Jesus nachfolgen, aber ich hatte grosse Mühe, mich einzuordnen. Doch Gott in seiner Liebe stellte mir Menschen zur Seite, die Tag und Nacht für mich da waren, unzählige Stunden mit mir telefonierten und mir halfen, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Sie standen mir bei, wenn ich dachte, die Finsternis erdrückt mich.

Langsam heilte meine Seele, und ich wurde beziehungs- und tragfähiger. Freunde bestätigten mir, ich sei reifer….. Autorin: Karin Krause (sie ist gerade bei uns auf Besuch)

Quelle

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